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Die Energiewende als globale Chance begreifen

29.10.2019 - Artikel

Am 24. Oktober erschien in der koreanischen Tageszeitung Hankyoreh ein Namensartikel des Bundeswirtschaftsministers Peter Altmaier. Im folgenden finden Sie die deutsche Originalversion.

Peter Altmaier, Bundesminister für Wirtschaft und Energie
Peter Altmaier, Bundesminister für Wirtschaft und Energie© dpa

Die Energiewende stellt eine der größten gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Herausforderungen unserer Zeit dar. Bei der grundlegenden Transformation unseres Energiesystems gilt es, wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit mit ökologischer Tragfähigkeit in Einklang zu bringen, die soziale Ausgewogenheit dieses Transformationsprozesses zu garantieren und die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Das ist eine große Aufgabe. Die Energiewende bietet zudem die Chance einen entscheidenden Beitrag zum weltweiten Kampf gegen den Klimawandel zu leisten. Wir sollten daher die Kooperationspotentiale auf internationaler Ebene bestmöglich nutzen, um den globalen Austausch zwischen Politik, Wirtschaft, Forschung und Zivilgesellschaft maximal zu fördern. Eine großartige Gelegenheit bieten hierfür High-Level-Formate wie die alle zwei Jahre in einem anderen Land stattfindende International Renewable Energy Conference (IREC), die in diesen Tagen in Seoul gemeinsam vom koreanischen Ministerium für Handel, Industrie und Energie (MOTIE) und dem Renewable Energy Policy Network for the 21st Century (REN21), der Stadt Seoul und koreanischen Energieagentur (KEA) ausgerichtet wird. Aus diesem Grund unterstützt Deutschland REN21 seit 2004.

Die Energiewende ist eines der Hauptinstrumente, das uns für den Klimaschutz zur Verfügung steht. In Deutschland ist uns bislang eine etwa 30%ige CO2-Reduktion gegenüber dem Niveau von 1990 gelungen, bis 2030 sollen es 55% weniger sein. In unserem Klimaschutzplan 2050 haben wir auch Ziele für die jeweiligen Sektoren festgelegt: Bis 2030 sollen in der Energiewirtschaft 61-62%, im Gebäudesektor 66-67%, im Verkehrssektor 40-42%, in der Industrie 49-51% sowie in der Landwirtschaft 31-34% der CO2-Emissionen ggü. 1990 eingespart werden. Um die Einhaltung des nationalen Klimaschutzziels für 2030 und der Sektorziele sicherzustellen, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel ein Klimakabinett eingesetzt, dem – neben den Ressorts Umwelt, Finanzen, Verkehr, Bau und Landwirtschaft – auch ich als Bundesminister für Wirtschaft und Energie angehöre. Das Bundeskabinett hat am 9. Oktober 2019 das Klimaschutzprogramm 2030 mit einer Vielzahl an konkreten Klimaschutzmaßnahmen beschlossen. Im Energiebereich ist vor allem der Anstieg des Ausbauziels für die Offshore-Windkraft von 15 auf 20 GW bis 2030, sofern die erforderlichen Netzanbindungen rechtzeitig fertiggestellt werden können, die Aufhebung des Ausbaudeckels für Solar-Dachanlagen und zusätzliche Steuerförderung sowie Finanzierungsprogramme für die energetische Gebäudesanierung vorgesehen. Auch sollen Rahmenbedingungen für den Ausbau und die Nutzung strombasierter klimaneutraler Gase und Kraftstoffe verbessert und die Elektromobilität gefördert werden.

In Deutschland werden wir bis 2022 die letzten Kernkraftwerke abschalten und bis spätestens 2038 gänzlich aus der Kohleverstromung aussteigen. Damit uns das gelingt, setzen wir darauf, den Anteil an erneuerbaren Energien weiterhin sukzessive auszubauen und gleichzeitig die Energieeffizienz in sämtlichen Bereichen zu steigern. Positiv: Unser Energieverbrauch ist im Jahr 2018 auf ein historisches Tief seit 1990 gesunken, während unser reales BIP in diesem Zeitraum um 50% zugenommen hat. Die hohe gesellschaftliche Akzeptanz erneuerbarer Energien bildet eine wichtige Säule für den Erfolg der deutschen Energiewende. Das hierfür nötige Vertrauen haben wir durch Transparenz, Bürgerbeteiligung und Dialoginitiativen gewinnen können und das gilt es weiterhin zu wahren. Mit einem Erneuerbare-Energien-Anteil an der Stromversorgung von beinahe 40% sind wir bereits einen bedeutenden Schritt vorangekommen, bis 2050 möchten wir einen Anteil von mindestens 80% an der Stromversorgung sowie 60% am gesamten Energieverbrauch erreichen. Wir möchten weiterhin mit gutem Beispiel vorangehen und die Wettbewerbsfähigkeit erneuerbarer Energieträger wie Wind und Solar weiter stärken.
Trotz der stärkeren Auslastung unserer Übertragungsnetze durch den zunehmenden Ausbau der erneuerbaren Energien, hat sich die Stromversorgungssicherheit dank unserer hohen Netzqualität auf einem Rekordhoch halten können – im europäischen und internationalen Vergleich. Um aber auch weiterhin eine zuverlässige Versorgung sicherzustellen, müssen wir den Ausbau der Übertragungsnetze weiter voranbringen. Da immer mehr Strom zukünftig auch dezentral produziert wird, stellt die Optimierung von Smart Grid Technologien ein wichtiges Komplement zum Netzausbau dar. Mit dem Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende haben wir die Grundlage für eine digitale Infrastruktur geschaffen, in deren Zentrum zunächst die stufenweise Einführung intelligenter Messsysteme steht. Den größeren Schwankungen in der Stromversorgung, die mit einem wachsenden Anteil an Erneuerbaren einhergehen, müssen wir mit Flexibilitätsoptionen wie Demand Response, integrierten Speicherlösungen wie etwa synthetische Kraftstoffe und grünen Wasserstoff sowie Sektorkopplung und Power-to-X-Technologien begegnen. Im 2018 verabschiedeten 7. Energieforschungsprogramm der Bundesregierung nimmt die Erforschung und Entwicklung dieser Technologien eine Schlüsselposition ein.

Wichtig bei der Debatte um die Energiewende ist mir, zu betonen, dass ökologische Nachhaltigkeit mit volkswirtschaftlicher Stabilität und Innovationskraft Hand in Hand gehen. So leisten grüne Technologien schon heute einen wichtigen Beitrag, um Wettbewerbs-fähigkeit, Beschäftigung und Wohlstand zu sichern: 2016 haben sie 15% zum deutschen BIP beigetragen. Experten rechnen bis 2025 mit einem jährlichen Wachstum von 6,9%. Klimaschutz schafft die Arbeitsplätze der Zukunft und es gilt, durch gezielte Investitionen und Innovationsförderung dieses Potential weiter auszubauen.

Korea und Deutschland stehen als wirtschaftsstarke Industriestaaten vor sehr ähnlichen Herausforderungen bei dem Vorhaben, das eigene Energiesystem durch den Ausstieg aus Nuklearenergie und fossilen Brennstoffen zukunftsfähig zu gestalten. Während wir in Deutschland etwa über umfassende Erfahrungen bezüglich des Ausbaus und der Systemintegration variabler erneuerbarer Energien oder auch im Bereich der Energieeffizienzpolitiken und -strategien verfügen, können wir im Gegenzug beispielsweise im Bereich der Energiespeicher und intelligenten Netze von der Expertise Koreas lernen. Um gemeinsam weltweit Vorreiter für einen nachhaltigen Wachstums- und Innovationspfad zu werden, stehen wir bereits in engem politischen Austausch mit der koreanischen Regierung - beispielsweise im Rahmen des bilateralen Energiedialogs wie ihn das MOTIE und das von mir geführte Bundesministerium für Wirtschaft und Energie führen. Ich bin überzeugt, dass unsere beiden Länder durch eine Intensivierung der Kooperation sowohl auf politischer als auch wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene nur gewinnen können.

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